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Aktuelles
 Abb.: Die OIKOPOLIS-Gruppe unterstützt die Gemeinwohl-Ökonomie - ein "Wirtschaftsmodell mit Zukunft" FAQ OIKOPOLIS-Gemeinwohl-Bericht
15.6.2015 Im Mai 2015 hat die OIKOPOLIS-Gruppe eine reichhaltige Informationsbroschüre publiziert, deren Inhalt sich dennoch nicht auf den ersten Blick erschließt: den 2014 erstellten "Gemeinwohl-Bericht der OIKOPOLIS-Gruppe".
Er orientiert sich an der aus demselben Jahr datierenden ersten Gemeinwohl-Bilanz der Gruppe, macht die einzelnen Punkte, die dabei bewertet wurden, transparent und führt sie detailreich aus. Allerdings ist das Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie noch nicht ausreichend bekannt. Deshalb gibt es dazu bei den meisten noch Erklärungsbedarf.
Warum und wie entstand der nun veröffentlichte Bericht, welchen Weg verfolgen die OIKOPOLIS-Betriebe weiter? Dies sind nur einige der Fragen, die zum Thema "Gemeinwohl-Bericht" häufig gestellt werden.
Zum Glück lassen sich die wichtigsten Fragen relativ kurz beantworten:
Zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie und Gemeinwohl-Bilanzierung im allgemeinen finden Sie die betreffenden Begriffsdefinitionen im Untermenü "Nachhaltigkeit: Bio & Fair / Gemeinwohl" unserer Homepage.
Zur Gemeinwohl-Bilanz der OIKOPOLIS-Gruppe im besonderen werden in erster Linie folgende Fragen gestellt:
- Worum geht es überhaupt ?
Immer mehr Menschen wollen mehr als „konsumieren“ – sie möchten wissen, wo und wie ihre Lebensmittel hergestellt werden. Um auf diese zunehmende Übernahme von Verantwortung durch die Verbraucher einzugehen, hat die OIKOPOLIS-Gruppe beschlossen, in Ergänzung ihres 2013 erschienenen Nachhaltigkeitsberichts auch einen Sozialbericht zu veröffentlichen.
Die selbst gestellten Ansprüche an Transparenz, Verständlichkeit und Vergleichbarkeit waren hoch. Deshalb hat die OIKOPOLIS-Gruppe zwischen den aktuell gebräuchlichen Systemen der Sozialevaluation sorgsam gewählt und sich schließlich für die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz nach Christian Felber entschieden. Ende 2014 haben externe Auditorinnen das Gemeinwohl-Engagement der OIKOPOLIS-Gruppe mit 633 von 1.000 möglichen Punkten bewertet. Auf Grundlage dieses Zertifikats hat die Gruppe einen ausführlichen Gemeinwohl-Bericht erarbeitet, der Anfang 2015 veröffentlicht wurde.
Als erste Einrichtung in ganz Luxemburg, die eine beglaubigte Gemeinwohl-Orientierung nachweisen kann, hofft die OIKOPOLIS-Gruppe, zur allgemeinen Diskussion über die Verantwortung der modernen Wirtschaft ihren Anteil beizutragen.
- Was hat das Ganze mit der Philosophie der OIKOPOLIS-Gruppe zu tun?
Bei ihren primär im Bereich der Vermarktung angesiedelten Aktivitäten strebt die OIKOPOLIS-Gruppe danach, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zu vereinen. Dabei setzt sie auf biologische und biodynamische Agrikultur, Fairness und Solidarität. Deshalb erscheinen unsere Grundwerte als Trias, nämlich: „landwirtschaftlich, solidarisch und sozial“ –gemäß dem BIOG-Motto: „Fair a kooperativ mat de Bio-Baueren“.
- Welche Strategie verfolgen die OIKOPOLIS-Betriebe mit ihrem Handeln?
Von Beginn an waren die Kernbetriebe der OIKOPOLIS-Gruppe – BIOG, NATURATA und BIOGROS – darauf bedacht, ihre Vorstellung einer solidarischen oder sogar assoziativen Wirtschaft in die Tat umzusetzen. Deshalb beteiligen sie sich regelmäßig an Rundtisch-Gesprächen – obwohl jeder von ihnen strukturell eigenständig ist.
Diese Zusammenkünfte zielen vor allem darauf ab, die Zusammenarbeit zu verbessern und zugleich ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette zu schaffen.
Dabei verfolgt jeder Betrieb seine eigenen Bedürfnisse, achtet aber auch auf die Interessen der jeweils anderen. Eine solche Assoziation bringt Produzenten, Händler und Konsumenten zusammen und sucht die praktischen wie auch finanziellen Mittel, die jeder Einzelne braucht, um die Produktion oder Dienstleistung, die er den anderen zur Verfügung stellt, abzusichern.
So zentriert sich das unternehmerische Handeln nicht um die Profitmaximierung des Einzelnen, sondern um die Förderung des Gemeinwohls. Gewinn hört auf, ein (Selbst-)Zweck zu sein, der jedes Mittel heiligt, sondern wird ein Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist das Gemeinwohl.
- Gemeinwohl-Bilanz – wozu?
Seit Gründung der Lëtzebuerger Bio-Baueren-Genossenschaft (BIOG) ist Nachhaltigkeit im weitesten Sinne ein Leitwert der OIKOPOLIS-Gruppe. Doch im Gegensatz zur Möglichkeit, seinen „ökologischen Fußabdruck“ zu dokumentieren und analysieren, gab es eine genauso transparente Methode für die sozialen Auswirkungen des eigenen Handelns einfach nicht.
Nachdem wir mehrere Zertifizierungsmöglichkeiten in diesem Bereich geprüft hatten, entschieden wir uns für die vom Österreicher Christian Felber angestoßene Idee einer Gemeinwohlbilanz. Als Luxemburger Pionier auf diesem Gebiet hat die OIKOPOLIS-Gruppe ebenso dazu beigetragen, das Projekt auf europäischer Ebene weiterzuentwickeln, wie sie an der Gründung einer unterstützenden Regionalgruppe beteiligt war. All das, während innerhalb der OIKOPOLIS-Betriebe eine Datengrundlage geschaffen wurde, die zunächst der Selbstevaluation in Sachen Gemeinwohl und dann als Referenzrahmen für ein externes Audit diente. Ermöglicht wurde dies durch den Einsatz der betriebsübergreifenden OIKOPOLIS-Nachhaltigkeitsgruppe, die seitdem „Gemeinwohl-Team“ heißt.
- Braucht die Gesellschaft Gemeinwohl-Bilanzen?
Als Folge medienwirksamer Skandale wird die Forderung nach Transparenz im Lebensmittelbereich immer lauter. Viele misstrauen sogar den Bezeichnungen „Bio“ und/oder „Fairtrade“, denn die Phantasielogos nehmen überhand, und die Bedeutung etlicher Labels ist kaum klar und noch weniger transparent. Biolandwirtschaft jedoch steht für höchste Qualität: alle Produktionsschritte werden kontrolliert und die Sozialnormen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eingehalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der Bio-Sektor zieht auch Akteure an, die nur die absoluten Mindeststandards einhalten, die zur Zertifizierung nötig sind.
Hier ist die Einstellung zur Gewinnmaximierung entscheidend, denn wer nur seine eigenen Margen im Blick hat, läuft Gefahr, das Wohl der anderen zu übersehen. Vor diesem Hintergrund hat sich die OIKOPOLIS-Gruppe für die Gemeinwohlbilanz als derzeit am weitesten entwickeltes System der Sozialevaluation entschieden.
- Welche Inhaltsschwerpunkte hat der OIKOPOLIS-Gemeinwohl-Bericht?
Inhaltlich folgt der Gemeinwohl-Bericht den Vorgaben der Gemeinwohl-Ökonomie für die Erstellung einer standardisierten Gemeinwohl-Bilanz. Grob gesagt, geht es dabei darum zu überprüfen, wie die zentralen Leitwerte der Gemeinwohl-Ökonomie (Menschenwürde, globale Fairness und Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz) das unternehmerische Handeln beeinflussen.
Mit einem vorgegebenen Raster von Impulsfragen und der dazugehörigen Bewertungsskala wird die Anwendung dieser Leitwerte auf alle Bezugsgruppen des Betriebs überprüft – von Lieferanten, Eigentümern und Geldgebern über MitarbeiterInnen, KundInnen und Mitbewerber bis hin zum allgemeinen gesellschaftlichen Umfeld.
Dabei wird zum Beispiel die Ethik des Beschaffungs- und Finanzmanagements überprüft, aber auch die allgemeine Qualität der Arbeitsplätze, die soziale und ökologische Gestaltung der angebotenen Produkte und die Ethik der Kundenbeziehung. Insgesamt gibt es 17 solcher „Gemeinwohl-Kategorien“.
- Welche Herausforderungen gab es bei diesem Projekt?
Bei der Vorbereitung einer Gemeinwohl-Bilanz standen wir vor folgenden Herausforderungen:
- Auswertung der aktuell marktüblichen Systeme zur Sozialevaluation
- Sorgfältige Auswahl nach aufwändiger Abwägung zwischen den inhaltlichen Kriterien des jeweiligen Systems und dem Grad seiner tatsächlichen oder potenziellen Bekanntheit bei engagierten Verbraucherinnen und Verbrauchern
- Schaffen einer Herangehensweise, die von den OIKOPOLIS-Verantwortlichen mehrheitlich mitgetragen werden konnte, und Zusammenstellung einer gleichermaßen kompetenten wie kritischen Arbeitsgruppe
- Abarbeiten sämtlicher Punkte der Gemeinwohl-Matrix nach Christian Felber durch Aufgreifen der vorgegebenen Impulsfragen – wobei zugleich jeder einzelne Punkt auf Übereinstimmung mit unserer Unternehmensauffassung überprüft werden musste
- Dem Luxemburger Publikum die Bedeutung eines solchen Projekts als „nationaler Vorreiter“ bei der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz vermitteln
- Wie kam es konkret zur Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts?
Bereits 2011, zum zehnjährigen Bestehen des OIKOPOLIS-Zentrums in Munsbach, haben die Verantwortlichen der Gruppe eine Phase der Selbstreflexion angestoßen, um so das Leitbild der OIKOPOLIS-Gruppe herauszuarbeiten: Agri-Kultur, Faire Zusammenarbeit, Soziales Miteinander und Bildung.
Um letztere zu fördern, wurde ein Vortragsprogramm für die breite Öffentlichkeit ins Leben gerufen („OIKOPOLIS am Dialog“), das vor allem um die Auslotung sozio-ökonomischer Alternativen kreist. Auf Hinweis eines OIKOPOLIS-Mitarbeiters wurde Ende 2012 auch der Begründer der so genannten Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felber als Gastreferent für „OIKOPOLIS am Dialog“ gewonnen. Daraus ergab sich eine OIKOPOLIS-interne Debatte über die „neuen Werte für die Wirtschaft“.
Mitte 2013 hatte der zweite Vortrag Christian Felbers im OIKOPOLIS-Zentrum gleich zwei Reaktionen zur Folge – die (beschleunigte) Publikation eines Nachhaltigkeitsberichts, der im Oktober desselben Jahres erschien, und das Zusammentragen aller Fakten, die für eine Ergänzung dieses Nachhaltigkeitsberichts um den Aspekt der Sozialverantwortung von Interesse waren.
- Was sind die ersten Reaktionen?
Im Mai 2015 hat die OIKOPOLIS-Gruppe für ihren kurz zuvor erschienenen Gemeinwohl-Bericht den ersten Luxembourg Green Report Award erhalten. Laut dem Veranstalter Greenworks, der die Luxemburger Plattform für „Green Business“ betreibt, würdigt die Auszeichnung dasjenige Dokument, das am wirkungsvollsten über eine oder mehrere betriebliche Initiativen von ökologischer Verantwortung berichtet und dabei unterschiedliche Elemente sowie Kennzahlen darlegt. Zudem bewertet die Jury die Transparenz des jeweiligen Vorgehens und die Zugänglichkeit der Informationen für das avisierte Zielpublikum.
Weitere Evaluationskriterien sind die strategischen Herausforderungen des Projekts und dessen Innovationsgrad, aber auch die allgemeine Expertise des Kandidaten und die Breitenwirkung seines Projekts für ein ökologisch orientiertes Wirtschaften („Green Impact“). Bewertet wurde all dies von einer 50-köpfigen Jury, der Top-Manager unterschiedlicher Branchen angehörten: Industrie, Öffentlicher Sektor, Finanzen, Dienstleister, Bausektor, Handel, Transport und Logistik.
Für die OIKOPOLIS-Gruppe ist diese Auszeichnung Bestätigung und Motivation, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und so zur allgemeinen Diskussion über unternehmerische Umwelt- und Sozialverantwortung beizutragen.
- Rückblick/Vorschau: wie geht’s weiter?
Die Erstellung einer standardisierten Gemeinwohl-Bilanz des Gesamtunternehmens hat das Nachhaltigkeitsteam der OIKOPOLIS-Gruppe so stark geprägt, dass die Arbeitsgruppe sich künftig als „Gemeinwohl-Gruppe“ versteht. Im Projektverlauf sind wir uns neben der Tatsache, dass die Gründungsideale der OIKOPOLIS-Gruppe weitgehend mit den Ansätzen der Gemeinwohl-Ökonomie übereinstimmen, auch der Verbesserungsmöglichkeiten bewusst geworden, das es noch auszureizen gibt. Optimierungspotenziale gibt es zum Beispiel bei der Erstellung eines Plans zur Erhaltung von Arbeitsplätzen im Krisenfall oder aber im Bereich einer regelmäßigen, systematischen MitarbeiterInnenbefragung. Ein entsprechender Maßnahmenkatalog wurde erstellt. Gegenwärtig diskutiert die betriebsübergreifende Arbeitsgruppe „Gemeinwohl“ diese Verbesserungspotenziale, um daraus eine Prioritätenliste zu entwickeln.
Andererseits wurde uns erst bei der redaktionellen Weiterverarbeitung der Gemeinwohlbilanz zum Gemeinwohlbericht bewusst, dass wir bei der Bilanzierung der Leistungen, die die OIKOPOLIS-Betriebe für das Gemeinwohl erbringt, einige gemeinwohlrelevante Tatsachen übersehen hatten. Dies führen wir darauf zurück, dass gesellschaftliches Engagement für das Handeln der OIKOPOLIS-Gruppe keine „Sonntagsaktion“ ist, sondern zum Betriebsalltag gehört.
Es gibt also jetzt schon Material für eine Aktualisierung unseres ersten Gemeinwohl-Berichts. Hinzu kommt, dass wir ein neues Format entwickeln wollen, das alle Aspekte ökologisch und sozial nachhaltigen Handelns vereint und somit Nachhaltigkeits- und Gemeinwohl-Bericht verbindet. Schon die nächste Ausgabe, die zwei Jahre nach dem ersten Gemeinwohl-Bericht erscheinen wird, soll erste Ergebnisse dieses neuen Ansatzes zeigen.

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